Die Nacht der …..

Marie und Hein saßen in eine Decke gehüllt auf dem Chaiselongue, nahe dem alten Küchenofen. Draußen war es dunkel und im Zimmer brannte kein Licht. Nur der schwache Schein einer Straßenlaterne erhellte die Decke des Zimmers.  Schatten wie von Geisterhand warfen Muster auf die leere  Fläche der Küchenwand, über den halbhohen Schrank, mit der breiten Anrichte. Außer dem Küchentisch, der einzigen Arbeits – und Abstellfäche -,  dem Ofen und dem Chaiselongue, stand dort nichts. – Spartanisch -.

Marie schaute suchend zur  Küchenuhr. Sie fand sie nicht. Dabei wusste sie genau, sie hängt an der Wand, neben dem Schrank über dem Küchentisch.   Die Schatten verdunkelten den Zeiger der Uhr. Unentwegt rückte er vor. Leise  hörte sie das Tick… Táck.   Langsam, gleichförmig, erinnerte diese wie nie zuvor, dass die Zeit verstrich.

Wenn du den  großen Zeiger der Uhr in der Mitte sehen wirst , dann……

Nur das Glühen der Herdringe und das Leuchten im Aschenkasten, wenn ein Stück glühende Kohle hinein fiel, erhellte das Zimmer. Ein Geräusch durchdrang mit seinem Zischen des Erkalten, die Stille. Funken wie Sterne sprühten unaufhörlich.  Marie schaute der verglühenden Kohle zu und träumte.

Hatte die Mutter nicht gesagt, sie kommt gleich wieder. Sie hatte mit ihrem Finger auf den Zeiger der Uhr gezeigt. Wenn der Zeiger dort steht, bin ich wieder hier, dabei schob sie ihn vor und wieder zurück. Nahm den Kohleneimer und den Schlüssel in die Hand und stecke ihn in ihre Schürzentasche, machte hinter sich die Tür zum Flur zu und verschwand.

Für immer…? Eine grauenvolle Angst erschreckte sie.

Marie, nahm ihren kleinen Bruder an die Hand, und  sie krochen tiefer in die Decke. Hein gähnt, seine Augenlider wurden  schwerer und fielen langsam zu. Er fühlte sich geborgen. Seine große Schwester war bei ihm. Ihm konnte nichts geschehen. Sie beschützte ihn. Außerdem hatte er gehört, wenn man besonders lieb ist, dann hören es die Helferlein im Himmel. Er hatte aber keine Ahnung, was besonders – lieb – ist.  Er achtete immer darauf, wie seine Schwester ihm alles vorlebte und hörte hin und wieder, das hast du aber fein gemacht. „Ach“, was bist du doch für ein liebreizendes Kind. „Diese blonden Locken und die lustigen Augen“, und das Grübchen in der Wange“. „Da hatten sie ihre wahre Freude an dem Jungen“ und gaben Hein einen Dauerlutscher.

Oh, wie Marie es hasste. Sie bekam keinen Lutscher und weil es so war, streckte sie die Zunge raus und zog eine Grimasse.  „Man merkt förmlich, das der Vater fehlt“, sagten die Leute. Mit diesen Worten, zogen die Frauen weiter und tuschelten, zum Leidwesen der Mutter. Die sich grämt.

Marie verstand die Welt nicht, sie war doch nur sauer auf diese Ungerechtigkeit. Sie hatte keine blonden Locken, sondern dunkles, schweres Haar, zu kleinen Schaukeln zusammen gebunden und eine lustige Spange  hielt sie zusammen. Die Tante hatte sie gebracht, denn sie spürte wie wichtig es für Marie war, ihre Haarlänge zu behalten, obwohl es mit dem Waschen und Trocknen, schwierig war.

Marie lauschte. Ein Knarren vernahm sie. Die Treppenstufen waren aus schweren ausgetretenen Holz und gebohnert. Einmal die Woche wurden die Treppen gescheuert, gewischt und gewachst. Dann gewienert. Das Holz glänzte und man mochte die Stufen nicht betreten. So schön sahen sie aus. Gleichzeitig waren sie auch gefährlich glatt. Manch einer ist dann schon mal gestolpert und hielt sich am hölzernen gedrechselten Treppengeländer fest.

Aber das Knarren verstummte nicht. Es waren nicht die Schritte der Mutter, die kannte sie genau. Sie waren leicht und beschwingt, so als machte sie Tanzschritte. Überhaupt, hatte die Mutter eine Leichtigkeit die den Tag beschwingter machte. Nur manchmal sah sie, wie sie auf dem Küchenstuhl am Fenster saß und nach draußen blickte. Sie hörte dann nichts, reagierte nicht. So als wäre sie nicht da. Dann sah sie  Tränen über ihre Wangen laufen und sie ging still zu ihrer Spielecke und beschäftigte sich mit Hein.

Nun blieben die Schritte vor ihrer Tür stehen, sie hörte, wie jemand sich an der Fußmatte zu schaffen machte und sie sah, wie die Türklinke heruntergedrückt wurde. Halb nicht ganz nach unten, so, als wenn man sich überlegen musste, ob man sein Vorhaben durch setzten wollte, oder nicht. Aber vielleicht wurde man gestört. Vielleicht kam die Mutter schon die Treppe hinauf. Einen Lichtschein sichtete sie zwischen dem Türspalt und dem Fußboden. Er bewegte sich hin und her. Dann nahm ein Schatten unterhalb der Tür, die Hälfte des unteren Spaltes ein.  Seltsam, wie geht das denn, dachte Marie. Ihre innere Spannung stieg immer mehr. Am liebsten hätte sie geschrien, vor Angst, denn sie wusste nicht wohin mit ihren Gefühlen.

Sollte sie doch stark sein und vertrauen. Eine große Schwester und eine gute Tochter sein. Sie wollte doch alles richtig machen. Der Mutter eine Stütze sein und hoffte doch insgeheim genauso viel Aufmerksamkeit zu bekommen, wie der kleine Hein. Ein Scharren, nein, mehr ein leises Kratzen an der Tür, oder kam es aus dem Schrank. Hatte sie nicht zufällig mit angehört, dass die Nachbarsfrauen, sich darüber unterhalten haben, dass das wenige was sie zu essen haben, von Mäusen, wenn nicht gar von Ratten angenagt würden. Es gibt noch so viele Löcher im Gemäuer und der Keller  hätte keinen Schutz vor den Fenstern und wer weiß was sonst noch so sich im Keller befindet, in der Nacht, bei dieser Kälte.

Die Schatten an der Wand wanderten weiter und neben Marie atmete ruhig der kleine Hein. Wie ein Engel sah er aus.  So hatte sie sich Engel vorgestellt, wenn er schlief, kam er dem sehr nahe. Ach wäre doch ein Engel hier und würde er ihr seine Hand reichen, damit ihre Ängste geringer würden. Was soll sie nur tun, wenn die Mutter nicht wieder kommt. Sie wusste im  Schrank war noch ein Stück Brot und Zucker. Das Wasser im Hahn, an dem ein langer Gummischlauch steckte, damit der Wasserstrahl auch ins äußerstes Eck der Porzellanen Spüle, alle Restbestände entfernen konnte, funktionierte schwer. Mit beiden Händen musste sie kräftig daran drehen, um ihn zu öffnen oder zu schließen. Auch einen Topf hätte sie auf den Herd gebracht. Das Brot in die Pfanne mit Fett gebräunt und Zucker darüber gestreut. Aber, wenn das Feuer ausgegangen wäre……..

Die Tür durfte sie nicht öffnen. Das war ihr verboten. Es graute ihr, noch einmal warf sie einen Blick an die Wand und der Schatten, der die Uhr verdeckte, ward er weiter gewandert? Sie sah den großen Zeiger und glaubte er hätte sich nicht bewegt, als sie ein lautes Ho, Ho, und ein Poltern vor der Tür her, hörte.

Der kleine Hein wurde wach, erschrak  und fing jämmerlich an zu weinen. Sie beide umklammerten sich und blickten verängstigt zur Tür, als diese sich langsam öffnete. Sie blieb wie von Geisterhand einen Spalt breit stehen und etwas leuchtend, wuscheliges, weißes kam schnurstracks auf Marie zugelaufen und hüpfte am Chaiselongue hoch.

„Wussel“ du. „Ja“, kam es von der Tür. Die Mutter kam herein. Er braucht eine neue Heimat, ein Zuhause. „Was glaubst Du“, ob wir es ihm geben können?“ Marie?“. Marie lächelte nur und sah noch wie ein Schatten im roten Mantel den Flur hinunter huscht.

©meintoefftoeff H.B.

 

Einen guten Nikolaustag

LG.Hilde

 

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Linkslastig………

Eine Schneeflocke taumelt, wie bei starkem Seegang langsam, linkslastig hinab zur Erde.

Hannes beobachtete in seinem Rollstuhl sitzend, den seine Mutter ans Fenster geschoben hatte. „ Warte hier, Ich komme gleich wieder“. Nur noch einige Tage, dann ist Weihnachten.

Weihnachten.

Hannes wollte kein Weihnachten, denn Weihnachten machte ihn traurig. Obwohl er viele Geschenke bekam und alle und jeder sich um ihn kümmerten. – Weihnachten – war kein guter Tag. Er wollte nicht ungerecht sein. Für alle anderen könnte es stimmen. Für ihn nicht. Dabei blieb es.
Nur heute, heute ist er mit einem ganz anderen Gefühl aufgestanden was heißt aufstehen. Martin, ein junger Medizinstudent, der seinen Zivildienst ableistet, bevor er an einer Universität studiert. Martin sagt:“ Du wirst schon sehen, eines Tages.“ Was er wohl damit meinte.

– Werde sehen -, eines Tages. Jetzt wollte er sehen, nur wusste er nicht was er sehen könnte.

Hatte er sich doch aufgegeben. Nichts interessierte ihn. Eigentlich machte er alles mit, aus Zuneigung zu Martin. Er wollte ihn nicht enttäuschen.

Heute Morgen war alles anders, huschte abermals der Gedanke durch seinen Kopf. Nun saß er allein vor dem Fenster. Die Gardine ward zurück gezogen. Er hatte freiem Blick nach draußen. Er sah wie der Nachbar „ Herr Nordlicht“, welch seltener Name. Dabei fiel ihm ein, Herr Nordlicht ist erst im frühen Herbst, in die untere Etage eingezogen. Frau Nordlicht hatte er noch nie gesehen, aber – sie – soll auch hier wohnen, in der unteren Etage.
Er sah, wie bunt verpackte Pakete hochgetürmt wurden. Unten parkte am Rand des Bürgersteiges, genau vor der ihrer Haustür ein rotes Auto.  Von einer Frau. Sie beugte sich in den Kofferraum und es wollte kein Ende nehmen.

„Das muss sie sein“, durchfuhr es Hannes.
„ Frau Nordlicht“. Klein, rundlich und etwas, Hannes sah zweimal hin, etwas blinkendes war in ihrem Haar. Ach was, denkt Hannes, Kinderkram. Aber dann sah er genauer hin. Es glitzerte.

„Wer soll denn die vielen Pakete bekommen“?  Er, Hannes hatte keine Kinder gesehen. Bestimmt hätte seine Mutter, die Kinder eingeladen. Das machte sie immer, damit – er – einen, oder mehrere Spielgefährten, hatte. Das tat sie. Sie sorgte sich. Er sollte nicht allein sein.

Was sie nicht wusste, er wollte keine Kinder. Ihn störte das Lachen, das Laufen, das Hüpfen. Überhaupt, jedwede Bewegung, die von den Kindern ausging.
Nur bei „ Sana“ einem fremdländischen Mädchen, mit schwarzbraunen Augen. Ihre Hautfarbe konnte er nicht beschreiben, obwohl er sie immer ansah, aber eigentlich wieder nicht. ( Verstohlen). versteht sich.  Er hatte nur den Blick für ihre Augen. In ihren Augen lag alles Wissen von dem er noch nichts ahnte. Sie war die Einzige die er ertrug.
Herr Nordlicht, war unterdessen vollends hinter den Paketen versteckt und schritt zügigen Ganges zur Haustür.

Dann passierte es.

Die – linkslastige Schneeflocke – setzte geradewegs zur Landung an. So einfach in die wollende Mütze mit dem weißen Bommel. So nicht, so nun mal gar nicht. An getaumelt, in die gestrickte Mütze von Frau Nordlicht, nahm Hannes an. Eigens für ihren hochgeschätzten Gatten.

Herrn Nordlicht wusste die Arbeit seiner Frau zu würdigen. Er sog Luft in seine beiden Wangen, die plötzlich rot und dick wurden, spitzte seine Lippen und dann, dann wirbelte die – linkslastige Flocke – hoch, immer höher, bis sie an die grauen tief hängenden Wolken, anstieß.

Der Himmel brach auf. Tausend und aber tausend weiße Eiskristalle, flockenartig. Jede eine andere Form, taumelnd, tanzend, hinunter.
Hannes sprang sich stützend mit beiden Händen auf der Fensterbank, aus dem Rollstuhl. Presste seine Nase ans Fenster und glaubte Sternenstaub zu sehen.

Er stand. Zum ersten Mal.

In der Zimmertür beobachtete seine Mutter mit Martin das Geschehen. „Mutter“, wer ist Herr Nordlicht, sie lächelte verheißungsvoll und brachte Hannes zu Bett.

© meintoefftoeff

 

Eine gute Adventwoche

Lieben Gruß Hilde

Ist das alles……..

 

Totensonntag zum Gedenken an ……..

Nur so, einfach nur so, und das nun schon zum vierten Mal in diesem Monat. Es geht nicht mit rechten Dingen zu, sollte man meinen.
Immer in der Nacht, wenn alle schlafen. Es ruhig ist, wenig Verkehr,
die Stadt ihren eigenen, melodischen Rhythmus folgt.

Immer dann….

Ergänzt, durch die nächtlichen Geräusche, des Klacken von Türschlössern, wenn  Heimzügler bemüht sind, leise und unbehelligt, ins Haus zu kommen. Pforten, die von nach Beute spähenden Katzen geöffnet, oder Deckel an Briefkästen, die verhakt, nach dem letzten Einwurf, schließen.
Dem quietschenden Schienengeräusch, der zuletzt fahrenden Straßenbahn und dem sanften Rauschen der Blätterkronen, des nahen Parks.
Eine Symphonie, der besonderen Art.

– Immer dann -,

wenn er, in den frühen Morgenstunden, der späten Nacht, die erste Runde mit dem Hund die Häuserblocks umrundete, erfüllt ihn ein Gefühl der erhabenen Freiheit.

– Leben -.

Das Leben, in seiner Unfassbarkeit. Ein Räuspern holt ihn in die Gegenwart. Frieda, dreht sich auf die andere Seite. Dabei rutschte ihr rotseidenes Negligé, von ihrer Schulter. Mit einem halb geöffneten Auge, blinzelt sie ihn an. „Du willst weg“?
Er setzte sich auf die Bettkante, nahm ihre Hand. „Ja, Frieda, es ist heute das – letzte Mal -, dass ich gehe“.

“ Ich nehme Alwin mit“.

Der lag zusammengerollt, mit gespitzten Ohren, auf seiner Decke, am Fußende des Bettes. Er tat so, als wurde ihn nichts interessieren. Alwin, ein erprobter Kämpfer. Das Herz von Hannes, schlug, voller Stolz.

„Ihr zwei seid ein Team“.

„Unschlagbar“, kam es aus ihrem Mund, drehte sich ein zweites Mal und schlief weiter.
Vorsichtig glitt seine Hand über die kühle seidene Bettdecke, die ihren wohlgeformten Körper, sinnlich zeichnete. Sanft berührte er ihren dunklen Haarschopf und gab ihr einen Kuss auf ihre Stirn, dann stand er auf. Sein Blick fiel auf ihren Nachttisch. Die Seite ihres zuletzt gelesenen Buches, lag aufgeklappt unter der Nachttischlampe. Ihre Brille diente als Lesezeichen.
Er stand auf, kramt in seiner rechten Hosentasche und holte ein – kleines Kästchen- raus. Stellte es sichtbar, neben ihren Nachtutensilien.
Draußen im Flur, hing sein Mantel griffbereit. Die Schuhe, nahm er vom Gitter, die Hundeleine, den Schlüssel und ging. Die Tür hinter sich zu ziehend.
Eilig hastete er die Treppe hinunter, öffnete die Haustür. Die Nacht war lau. Er sah gegen Osten, noch alles stockdunkel. Kein Vogel zwitschert.

– Stille -.

Nur das Brummen, des laufenden Motors, eines VW Transporter, der ihn abholte. Aufgeregt wedelt der Hund mit seiner Rute, als er Gerd erkannte. „Tut uns leid Hannes, dich wecken zu müssen“. „Wo geht es denn hin“. „Schillerstraße, die Baustelle“.

„Eine Bombe“.

„Sie muss entschärft werden“. „Deine Aufgabe“. Ja, ja, es war seine Aufgabe. Lange hatte er sich darauf vorbereitet und immer wieder hat er sich mit den Zündmechanismen von Bomben aus der Zeit des Krieges, auseinander gesetzt. Tägliches Training, eine ruhige Hand und Konzentration. Sprengstoff ist sein Fach. Feuerwerkskörper, Explosionen, Schusswaffen. Als Junge faszinierte ihn das Schießen.
Mit großer Genauigkeit und Treffsicherheit, trumpfte er im Schützenverein auf. So ein Gewehr hatte was von etwas kühlem, eleganten an sich. Wenn man den Kopf zum genauen zielen, seitlich hinunter beugte, dann war der gesamte Körper, gespannt. Bis der Schuss fiel.

Alle “Zwölf“, genau in die Mitte.

So manch alter Schütze, klopfte ihn auf die Schulter. Du hast es drauf, hörte er sie dann sagen.
Er war der jüngste Schützenkönig in diesem Verein. Er dachte daran, als er sich für seinen Einsatz im fahrenden Auto, umzog.

Es wird mich  – nicht retten -,

und sah dabei die gepolstert Schutzjacke an. Den Helm mit dem Head Set, um die Sprechverbindung aufrecht zu erhalten. Die Schutzbrille mit dem Vergrößerungsglas. Die Handschuhe, die seine Hände warm halten sollten, dass die Finger beweglich bleiben.

All das wird mich – nicht schützen -.

Zum – ersten Mal – in seinen langen Arbeitsjahren, dachte er daran. Sein Herz klopfte schneller als sonst.
Er spürte, wie das Adrenalin stieg. – Unruhe -, nie gekannte Unruhe bewegte seine Gedankenwelt. Das Auto verringerte seine Geschwindigkeit, die erste Absperrung, kam in Sicht. Polizeiautos, querstehende, verhinderten, die Einfahrt in die Zugangsstraßen. Polizisten hoben ihre Kellen und Lautsprecher gaben ihre Warnung kund. Das letzte noch zu räumende Haus, war ein Altenheim. Krankenwagen standen vor der Tür. Pflegekräfte, halfen den alten Leuten, ins Auto zu steigen. Was sie wohl denken mögen.

Angekommen.

Die Baugrube war gut ausgeschachtet, um den Rand der Grube, hatte man schon Sandsäcke aufgebaut, um die Druckwelle einzuengen.

Für alle Fälle.

Niemals hat Hannes – für alle Fälle – gedacht. Immer hat er diesen Gedanken aus seinen Kopf gestrichen. Es existierte nicht für ihn. Er hatte eine ruhige und sichere Hand.
Der Himmel lichtete sich. Sterne wurden sichtbar blasser. Am Horizont bildete sich ein silberner Streifen. Vögel zwitscherten,  ein singender Ton, kaum hörbar.

Alwin sprang, gleichzeitig schrie Hannes     …..Deck…..

Eine Druckwelle erfasste alles Umliegende.  Eine Wolke aus Schutt, Lehm und Asche, deckte alles zu.

– Totenstille –

Es klingelte. Zwei Männer in Uniform standen vor der Tür, als sie, sie öffnete. Nichts sagend überreichten sie ihr einen versiegelten Brief.
Stumm schreien ihre Augen,

– Ist das alles -.

Ging ins Schlafzimmer, öffnete das Kästchen, nahm die vergoldete Kugel hinaus, steckte sie in den Revolver und……

©meintoefftoeff  H.B.

November mit all seiner Schwere.

Eine gute Woche LG. Hilde

Der Boskop, oder noch einmal so richtig -Warm-

 

Der Bratapfel

Kinder, kommt und ratet,
was im Ofen bratet!
Hört, wie’s knallt und zischt.
Bald wird er aufgetischt,
der Zipfel, der Zapfel,
der Kipfel, der Kapfel,
der gelbrote Apfel.

Kinder, lauft schneller,
holt einen Teller,
holt eine Gabel!
Sperrt auf den Schnabel
für den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den goldbraunen Apfel!

Sie pusten und prusten,
sie gucken und schlucken,
sie schnalzen und schmecken,
sie lecken und schlecken
den Zipfel, den Zapfel,
den Kipfel, den Kapfel,
den knusprigen Apfel.

(Bayrisches Volksgut)

 

Guten Appetit und gute Erinnerungen

LG. Hilde

Volkstrauertag, ein Volk trauert, noch „Heute“?

 

 

Damals, als Kind beobachtete ich meine Mutter, wie sie eine Kerze ins Fenster stellte, nicht wissend, „WARUM“.

Sie tat es bis zu ihrem Tod. Immer im November.

Sie nahm die Scheibengardine ab und stellte die Kerze mittig hin. Ein feiner Luftzug ließ die Flamme flackern. Es zog vom Fenster und sie rollte ein Tuch zusammen, legte es an den Rahmen, so dass sich das Licht beruhigte. Selbst, setze sie sich auf den Stuhl, der neben dem Fenster stand und blickte hinaus.

Hinaus in die Ferne, weit, viele Kilometer entfernt, trugen ihre Gedanken sie dahin, wo – er – sein könnte. Irgendwo in einem fremden Land. Irgendwo, müsste er leben, für sie und ihre Kinder.

Der Krieg, unfassbar.

Unfassbar welchen Schmerz sie – alle – aushielten, solange er tobte. Welchen Nöten und Entbehrungen sie ausgesetzt waren. Niemand hatte eine Vorstellung, wie ihre Zukunft sein wird.

Sie war jung und die Liebe trägt. Sie glaubte nicht an den Tod. Ihre Hoffnung auf Frieden, auf Glück auf Gemeinsamkeit, trug sie in ihrem Herzen und machte sie – stark -.

Wir kauerten uns zu ihren Füßen und legten unsere Köpfe an ihren Schoß, in dem Wunsch, sie wird uns erzählen.

Es darf niemals wieder geschehen, niemals wieder, begann sie. Denkt daran, wenn ihr einmal erwachsen werdet. Lasst es nicht zu.

Sie zeigte uns ihre Hände, zerschunden, rissig, aufgeraut, knochig, fest und stark. Hände die sich nicht scheuten zu arbeiten und das musste sie auch.

Ein Dach über den Kopf haben, wer wollte es nicht. Aber es war keines da.

Sie lief mit uns durch die Straßen der Stadt, die ihre Heimat war und nichts, aber auch gar nichts, war wie sie sich erinnerte. Wo sie als Kind gespielt, geträumt hat.

Ich weiß noch, wie Tränen über ihre geröteten Wangen, nasse Spuren zeigten. Mutter sich auf einen Schutthaufen setzte, um ihrer Erschöpfung Einhalt zu bieten. Den Kopf in ihre Hände stützte und in sich zusammensackte. Wir spürten deutlich ihren inneren Zusammenbruch.

Still, sehr still schmiegten wir uns an sie. Sie zu wärmen, zu schützen. Ihr klarmachen, wir sind noch hier, wir brauchen Dich. Ohne Dich geht es nicht. Ohne Dich, haben wir keine Chance.

Sie stand auf und ging zu dem Haus, indem sie vorher wohnten. Es war eine Ruine. Ihre Wohnung war zerstört, aber es waren Menschen dort, die Steine klopften. Diese zusammen trugen, auf einander legten. Ordnungen herstellten. Eine Zukunft. Auf Überleben in einer geschützten, gesicherten Umgebung.

Die Vergangenheit ist der Ursprung allen Handelns, lass sie in Dein Bewusstsein. Erinnere Dich.

Hilde

Besuchsdienst für…………

 

für……..? mich….! Ich fragte mich schon lange, ob ich dort mal anrufe. Oder lieber nicht, denn so viel ich wusste, ist dieser Dienst für gebrechliche, sehr alte Menschen (Gemeindemitglieder), die nicht mehr das Haus verlassen können, gedacht. Also blieb mein Gedanke unter den tausend anderen verborgen.

Ich hatte Glück. Ich wurde zu meinen …..zigsten Geburtstag von der Kirche eingeladen.  Natürlich fuhr ich mit meinem E- Rolli hin. Diesem,  mir immer noch unhandlichen Riesen – Ding. Ich kann es nicht bedienen wie ein Lenkrad beim Auto. Da wo ich hinsehe fährt er nicht hin. Ich muss entgegen gesetzt steuern und schaue  in die Richtung, in die ich fahren will/muss. Fahre ich geradeaus, kein Problem.

So lange ich diesen E- Rollstuhl habe, suche ich einen Menschen, der mit mir Straßenbahn fährt. Der schmal bemessene Raum, die Plattform und die Menschen, so wie der Zeitdruck, bringen mich in eine fast ausweglose Situation.

Ich kann nur vorwärts einfahren und nur rückwärts wieder raus.  Rückwärts raus, bedeutet, nur auf den Spiegel schauen, was die Hinterräder machen. Dabei kann ich nicht viel mehr von meinem Umfeld sehen.  Ich hatte schon Bilder im Kopf, was mir alles passieren könnte und was ich so anrichte, an Beschädigungen. Es bildete sich ein fast unüberwindbarer Gedankenberg. Meine Güte, das mir. So darf es nicht geschehen.

Einen Mann habe ich im Haus, aber mit ihm kann ich nicht üben. Er versteht nicht, dass ich mal etwas nicht auf Anhieb schaffe und Ängste habe. Ich stehe mit meinem E- Rolli auf Kriegsfuß.

Unsere Stadt ist groß und bis zum Bahnhof benötige ich 1 Stunde 20 Minuten, dann den Rückweg mit berechnen und den Aufenthalt. Ich komme in kein Einkaufszentrum, geschweige denn in die Innenstadt, zum Theater, Konzert, Kino, Märkte.  Der Weg ist zu lang und ich kann nicht Stunden im Rollstuhl sitzen.

-Straßenbahn  fahren -, das ist der einzige Ausweg.

Mein Enkel, der einige Zeit im Sommer uns besuchte, strahlte Ruhe und Zuversicht aus. Er ermutigte mich, auch Engpässe zu nehmen. –  PASST-. “ Das schaffst du Oma“. Ich hatte viele Stresssituationen und manchmal glaubte ich mich nicht befreien zu können.   –  Eine Katastrophe -.  Ich musste dieses Gedanken Karussell abstellen.

Man reichte mir Kuchen, füllte meine Tasse mit Kaffee und setzte sich neben mich. „Ich habe sie schon gesehen“. „Ja“,, war meine Antwort und fragende Blicke folgten. Dann folgte ein Wort dem anderen. Und ich erzählte, wie es mir geht und was ich gerne möchte und warum. Ich erfuhr Interesse und Bereitschaft, Anteilnahme, Mitgefühl.

Der Besuchsdienst unserer Gemeinde, hat für mich einen Herrn gefunden, der nun mit mir Straßenbahn fährt. Unglaublich, aber ich bin viermal auf dieser Plattform gestanden und zweimal rückwärts herausgefahren. Mein Begleiter hat mir den Rücken freigehalten und sicheres Gelingen ausgestrahlt. Ich wollte daran glauben. Ich wollte es schaffen.

Es ist mir geglückt. Danke schön. Danke für die Hilfe und dem Zuspruch.

Zufriedene und glückliche nächste Woche

Lieben Gruß Hilde

 

 

 

 

 

 

Das verlorene Licht……

„Was machst du“, hörte Marie eine Stimme aus dem anderen Zimmer klingen. Wie ein wärmender Luftzug, der an ihren Ohren vorbei in die Weite flog. Leicht und beschwingt, nicht wirklich wissen wollen, was sie tut.

Still, ganz still saß Marie in der Ecke, den Kopf neben dem Fenster an die Wand gelehnt und schaute hinaus. Hinaus auf das Gebäude, gegenüber. Ein gespenstiges Mauerwerk, die Umrisse wie einen drohenden Klotz wahrnehmend, hielt ihren Blick gefangen. Sie schloss ihre Augen, vielleicht ist es nur eine Wolke, vielleicht ist es weg, wenn ich meine Augen wieder öffne, dachte sie.
Im Hintergrund knisterte der Ofen. Funken sprühten und weißflockige Asche fiel in den Kasten unter der Feuerstelle. Sperrangelweit war die untere Klappe geöffnet. Eine wohlige Wärme durchzog den Raum.
Nur, vom Fenster zog ein eisiger, feiner Hauch an ihrer Nase vorbei, kühlte ihre Wangen und legte sich auf die Glasscheibe nieder. Sanft, wie von fremder Hand gesteuert, malte er ein Gebilde auf das dünne Glas. Einen zuerst – nicht – erkennenden, weißen vereisten Wald. Mit immer dichter werdenden Unterholz, Farnen und hohen Gräsern. Es bildete sich eine dicke Eisschicht an der unteren Kante des Rahmens.
Schnee, wie Schnee, der den Blick nach draußen versperrte. Ein wenig traurig darüber, legte sie ihren Kopf auf die Fensterbank und träumte.

„Was machst du“, abermals erklang die Stimme von Hanna, besorgter, da sie zuvor keine Antwort erhalten hatte. Und wiederholt verhallte diese im Raum.
Nichts von alle dem nahm die kleine Marie wahr. Sie spazierte auf den Weg zwischen den eisigen Bäumen und Sträuchern, der sich ihr bot. Verspürte, wie Elfen mit sanfter Hand ihre Haare liebkosten, darüber einen weißen Schleier legten. Einen Schleier des Vergessens.

Sie ging weiter, ohne zu bemerken was um sie geschah. Ihre Augen nach vorn gerichtet auf den winzigen Schein, der wie ein Irrlicht weit vorne vor ihr her tanzte. Sie hatte gesehen, wie es vom Himmel fiel, in das schwarze Haus. Ja, es war noch dort, sie war sich sicher, das schwarze Gebäude, ohne Licht.
Vielleicht hatte das Licht vom Himmel sich wehgetan und mit letzter Kraft leuchtet sein Flämmchen. Sie mochte sich nicht vorstellen, wie einsam es ist. Verlassen in der Dunkelheit mit all den gruseligen Gestalten, die darauf warten, mitgenommen zu werden in eine Welt ohne Licht.

Marie erschauderte und presste ihr Hemd dichter an ihren Körper. Immer weiter und weiter ging sie. Je mehr sie sich dem Schein näherte, umso weiter entfernte er sich.
Eine Träne löste sich aus ihren Augen, kullerte von den Wangen hinunter und wurde eine kleine Kugel aus Eis.
Marie hob ihren Finger und gab der Kugel einen Stoß. Sie rollte, rollte, rollte und traf auf das Licht. Es drohte zu erlöschen.
Nein, das hatte sie nicht gewollt. Ein Aufschrei, mit letzter Kraft ihrer Stimme, dann gab es einen lauten Rumps und zwei starke Arme hoben sie auf und legten sie zurück, ins Bett.

„Was machst du“, klang nun vorwurfsvoll die Stimme. „Das Licht“, hauchte sie, „das Licht“ und zeigte mit ihren kleinen Fingern zum Fenster. „Es ist“…. und schloss ihre Augen.
Besorgt, nachdem Marie eingeschlafen, ging ihre ältere Schwester Hanna zum Fenster, sah dass die Scheibe eine kerzenförmige Durchsicht nach draußen bot. Hat Marie mit ihrem Atem, eine bizarre Sicht nach draußen, geschaffen? Hanna öffnete das Fenster, um zu schauen was Marie so geängstigt hat. Unten im alten Schuppen. Leuchtete da etwas? Sie sah genauer hin. Es schien ihr das Flackern einer Kerze zu erkennen.
Hanna erschrak, lief hinunter, öffnete die Tür und fiel auf die Knie. Beugte sich nach vorne und blickte in das Gesicht ihres Vaters.
Sie stand auf nahm eine Decke und legte diese über ihn. Im gleichen Moment erhellte sich der Schein der Kerze die auf dem Tisch stand.

Fortan stellten sie eine Kerze ins Fenster, um den Heimkommenden den Weg zu weisen.

Eine gute Woche Hilde